"GIF it to me, Baby!" – 30 Jahre Graphics Interchange Format

15.06.2017


Als kompakte Alternative zu den damaligen Bildformaten erblickte das
Bildformat GIF 1987 das Licht der Welt. Es waren 30 bewegte Jahre, geprägt
von Patentstreitigkeiten, gescheiterten Alternativen und einer kulturellen
Revolution.

Von Merlin Schumacher


* [Netscape und die Schleife]
* [Renaissance für ein Bildformat]
* [Kulturrevolution mit acht Bit]


Das GIF wurde, so erstaunlich das sein mag, nicht im Internet geboren. Das
Bildformat entstand bei Compuserve, dessen Kunden damals noch keinen Zugang
zum damals noch rein akademischen Internet hatten – sie waren eingepfercht
im Walled Garden der Compuserve-Angebote. 1987 entwickelte
Compuserve-Programmierer Steve Wilhite das neue Dateiformat, das vor allen
Dingen bunt sein sollte: Compuserve wollte ein Farbbildformat für die eigenen
Download-Dienste. Bis dahin hatte der Online-Dienst nur ein Dateiformat für
Schwarzweiß-Bilder in petto.

Am 15. Juni 1987 hat Compuserve die GIF-Spezifikation veröffentlicht. Die
Möglichkeit, mit dem Format auch Animationen zu erzeugen, war zunächst nur
ein unwichtiges Detail am Rande. Mit 8 Bit Farbe und 1 Bit Transparenz war
das Graphics Interchange Format jedenfalls eindeutig für die Zukunft
gerüstet. Die erste Version hörte auf den bescheidenen Namen "87a". Der
große technische Vorteil des Formats und zugleich sein größter Haken, war
die LZW-Kompression (Lempel-Ziv-Welch). Zwar senkte die Kompression
einerseits die Download-Zeiten bei den damals noch üblichen 1200-Baud-Modems,
war aber andererseits auch patentiert.

Das Patentproblem fiel erst 1993 auf, als Patentinhaber Unisys sich bei
Compuserve meldete und Lizenzgebühren verlangte. Im darauffolgenden Jahr
einigten sich die beiden Unternehmen. Anschließend verlangte Unisys, dass
alle anderen kommerziellen Nutzer des GIF-Formats ebenfalls Lizenzen kaufen.
Unisys verlangte 0,45 Prozent des Verkaufspreises (jedoch maximal 10
US-Dollar) pro verkauftem "GIF/LZW-Produkt". Der allgemeine Ärger über
Unisys' Forderung und Compuserves bereitwilliger Einigung befeuerte
Bestrebungen zur Entwicklung von Alternativen wie PNG (Portable Network
Graphics) und eines GIF-Formats ohne LZW-Kompression.


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Netscape und die Schleife


Der Grundstein für den – damals noch nicht absehbaren – Siegeszug des GIF
wurde 1995 gelegt: Es war der Browser-Pionier Netscape und nicht Compuserve,
der dem GIF die Schleife beibrachte. Das Bildformat hatte mit der zweiten
Version 89a zwar gelernt, Frames zeitversetzt abzuspielen, aber nicht diese
zu wiederholen. Der am 18. September 1995 erschienene Netscape Navigator 2.0
führte eine Erweiterung des GIF-Formates ein, mittels derer man
Wiederholungen für Animationen festlegen konnte. War im frisch eingeführten
Netscape Application Block (NAB) eine 0 eingetragen, lief das GIF in
Schleife. Diese sollte sich nach und nach als wichtigste Eigenschaft des
Bildformates erweisen: Steve Wilhite sagte mal, dass das GIF 1998 in der
Versenkung verschwunden wäre, hätte Netscape die Animationsschleife nicht
eingebaut.

1999 begann Unisys auch Entwickler freier Software und sogar Privatpersonen
für die reine Einbindung (!) von GIFs in Web-Seiten zur Kasse zu bitten. Das
ganze kulminierte im "Burn all GIFs"-Day am 5. November 1999, an dem vor der
Unisys-Zentrale demonstriert wurde. Die Zeiten hatten sich geändert: Unisys
war der Buhmann und Compuserve inzwischen Teil von AOL. Aus 1200 Baud waren
768 kBit/s und aus Einwahlmodems ADSL-Anschlüsse geworden.

Das Feld der Animationen im Internet dominierte (damals noch) Macromedias
Flash-Player, denn der war vielseitiger und man musste keine Lizenzgebühren
bezahlen. Das GIF spielte eine eher untergeordnete Rolle in einem Web voller
Flash-Intros. Allenfalls als Hinweis auf der eigenen, noch im Aufbau
befindlichen Geocities-Website durfte das GIF einen fleißigen kleinen
Bauarbeiter präsentieren, der unermüdlich schaufelte. Meist wurde die Website
trotz des steten Schaufelns kein Stück fertiger. Sammlungen von kleinen
Flaggen auf Info-Websites von Unis, drehende Globen und hin- und her
morphende Bilder – das war das Schicksal des GIF zur Zeit der expandierenden
Dotcom-Blase.


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Renaissance für ein Bildformat


2003 begann mit der Gründung von MySpace die GIF-Renaissance. Im ästhetischen
Sinne ein Nachfolger von Geocities fiel das GIF hier auf fruchtbaren Boden:
zwischen Comic Sans und Selbstdarstellung war auf MySpace Raum für
glitzernde, flackernde Animationen. 2004 liefen die letzten signifikanten
Patente im Zusammenhang mit der LZW-Kompression aus. Das GIF war frei und
dennoch war es bis etwa 2011 abgeschrieben. Erst als Anfang 2011 soziale
Netze den arabischen Frühling begünstigten, Fukushima den deutschen
Atomausstieg besiegelte und Inception bei den Oscars abräumte, kam auch die
Revolution für die GIF-Animation: Die sich ausbreitende Meme-Kultur brauchte
mehr als nur Standbilder.

In den kurzen Animationen lässt sich weit mehr vermitteln als in nur einem
Bild. Wer könnte Langweile besser Ausdrücken, als Hillary Clinton bei der
Anhörung zu Bengasi? Wer zeigt die Freude am Tanzen besser als Groot? Und wer
sagt schöner Bingo als Hans Landa? Die kleinen Schnipsel sind so erfolgreich,
weil sie Dinge auf den Punkt bringen: In ein bis zwei Sekunden Video kann man
ein Gefühl oder einen Eindruck besser vermitteln als mit einem Foto. Dass
GIFs auf jeder erdenklichen Plattform ohne App oder Player angezeigt werden
können, ist mindestens genauso wichtig. In Zeiten, in denen der Flashplayer
Web-Videos fest im Griff hatte und HTML5-Video noch ein feuchter Traum der
Web-Entwickler war, konnte das GIF mit Plattformunabhängigkeit bestechen.
Inzwischen sägt HTML5-Video wieder am Ast des GIF, denn die meisten GIFs die
man im Web sieht, werden wieder in Videos konvertiert. Moderne Videocodecs
sind schlicht viel effizienter, als die einst fortschrittliche
LZW-Kompression – selbst bei kurzen Clips.

Ein steter Streit im englischen Sprachraum bleibt übrigens die Aussprache des
Formats. Wird das G weich wie ein J gesprochen ([d͡ʒɪf]) oder hart ([gɪf])?
Erfinder Steve Wilhite wird giftig bei dem Thema und bevorzugt die weiche
Variante. Er sagt, bei der Namensgebung habe man an die amerikanische
Erdnussbuttermarke Jif gedacht. Im deutschsprachigen Raum ist das zum Glück
kein Problem. Das G ist hier hart. 


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Kulturrevolution mit acht Bit


Das GIF hat sich vom hauseigenen Bildformat eines fast vergessenen
Internetproviders zu einem Grundpfeiler der Netzkultur gemausert. Es ist
überall. Jede Smartphone-Tastatur und jeder Chat und der was auf sich hält,
bietet mittlerweile eine GIF-Suche um die Schnipsel direkt zu teilen. Das ist
toll in den Momenten, in denen ein Emoji einfach nicht mehr reicht, um
abzubilden was man vermitteln will. Selbst Facebook, das sich Jahre gegen die
GIF-Invasion gewehrt hatte, gab 2015 den Widerstand auf. Da war Twitter schon
längst mittendrin im Malstrom der Animationen. Das GIF ist Kultur- und
Kommunikationswerkzeug. Es verbindet Pop- und Netzkultur miteinander wie
keine andere Technik. Aus den Heerscharen von 8-Bit-Bauarbeitern sind
Konserven des Zeitgeists geworden, aus kleinen wabernden Flaggen Kunstwerke
und aus rotierenden Comic-Sans-Schriftzügen eine eigene Ästhetik. Party on!


Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/GIF-it-to-me-Baby-30-Jahre-Graphics-Interchange-Format-3743361.html
